Wenn das Loslassen schwierig ist – dann lass es sein und nimm es mit. Denn es ist wahrscheinlich weniger stressig, als an sich den Anspruch zu stellen, „etwas loszulassen“. Was würde das denn heissen, etwas, das uns schmerzt, wenn wir daran denken, etwas, was uns vor langer Zeit so viel Wunden zugefügt hat, nicht mehr loszulassen aber statt dessen mitzunehmen?

Ich bin der Meinung, dass es uns vom dem Druck befreien würde, „endlich das Geschehene loszulassen“. Es funktioniert nicht. Das Unrecht, das Unglück, der Übergriff ist in den Zellen gespeichert – wohin bitte sollte man / frau denn loslassen? Stolpert am Ende noch jemand drüber? Und wenn das Loslassen partout nicht funktioniert, dann schimpfen wir mit uns selber und sagen „nicht mal loslassen kannst du, was kannst du denn überhaupt, du Niete“?

Ich höre so viele unendlich traurige Geschichten in meiner Praxis, ich höre Geschichten, die Menschen angetan wurden, bei welchen ich zu Hause selber weinen muss ab so viel Grausamkeit und Boshaftigkeit. Wie soll eine Person, die wiederholt Schlimmes erlebt hat, die Aufgabe „loslassen“ denn auch wirklich meistern können?

Das Gegenteil davon könnte viel wahrer sein. Da ich oft erlebe, dass das Loslassen halt nicht funktioniert. Es gilt vielmehr, mitzunehmen, was meine Geschichte geprägt hat, was mich zu dem Menschen gemacht hat, welcher ich heute bin. Das Geschehene ist – schmerzhaft, unschön – ein Teil von mir. Diesen Teil zwanghaft loslassen zu wollen, wegzuschicken, würde ja auch bedeuten, einen Teil meiner eigenen Geschichte abzuschneiden.

So kommen wir denn zum nächsten… zum „Nicht-Urteilen“. Manche Menschen meinen, sie seien spirituell ganz weit entwickelt, wenn sie Gut und Böse nicht mehr unterschieden müssen, sondern alles als einen Teil des Ganzen zu sehen und demnach nicht mehr urteilen zu müssen. Ach wie edel klingt das denn? „Ich stehe über Gut und Böse, ich stehe über den Polaritäten. Das alles berührt mich nicht mehr, denn ich habe erkannt, dass alles ein Teil des Ganzen ist.“ 

Echt? Ich urteile täglich, stündlich, minütlich. Wir müssen sogar. Wir dürfen Böses nicht gutheissen und wir müssen Gutes anerkennen. Wenn ich ständig im lauwarmen Wackelpudding des Nicht-Urteilens bin – wo lebe ich denn? Bin ich denn ein Mensch, bei dem die Gravitation ausgeschalten ist? Spielt oben und unten, links und rechts (jaaa.. auch politisch!), Gut und Böse so gar keine Rolle mehr?

Nein. Da kenne ich kein Pardon, ich werde weiterhin für mich suchen, was ich für gut und schlecht empfinde und ich werde weiterhin sagen, was mir passt und was nicht. Ich bin mir schon bewusst, im ganzen Universum hat alles seinen Platz – aber auch meine Meinung, meine Polarität hat hier ihren Platz und ich kann es mir nicht zu einfach machen. Wir können es uns nicht leisten, unparteiisch zu sein. 

Aus diesem Grund (naja, Gründen) bin ich auch nächstes Jahr dabei, dir beim Nicht-Loslassen beizustehen, aber ich helfe dir liebend gerne, deine Geschichte zu verstehen und annehmen zu können, damit deine nächsten Schritte im Leben einfacher sein dürfen.  

Und ja – ich werde weiterhin auf den Tisch klopfen, wenn ich was saublöd finde. Ich weiss, einige Patienten erschrecken sich zuerst (es scheppert dann zuweilen , die Teetassen weisst du)– aber ehrlich, ich hau ja nur auf den Tisch! Eine andere Meinung kann ich durchaus stehen lassen, und ich bin immer wieder gerne bereit, mich auf ehrliche, sachliche und humorvolle Diskussionen einzulassen.